Archiv

Charlotte Ohlendorf, Marktfrau vom Moritzberg (1816-1905)

Winter 1880/81

Ich bin ja so froh, dass das Schneewetter in diesem Jahr sich schnell wieder verzogen hat. Gar nicht so einfach durch die Schneemassen zu stapfen! Aber erinnern Sie sich noch an den letzten Winter? Wochenlang war der Regen uns auf’s Dach gepladdert, dann kamen Unmassen Schnee hinterher. Als der Schnee im Harz schmolz, konnte die Innerste das heranbrausende Wasser nicht mehr fassen, Dämme vor Hildesheim brachen mehrmals, riesige Wassermenge wälzten sich auf die Stadt und dann auf Moritzberg zu.

Das Wasser drang vom Kupferstrang aus von hinten in die Häuser ein, floss vorn zur Dingworthstraße hinaus  – und was da alles im Wasser schwamm! Igitt-igitt! Mich schüttelt‘s noch heute, wenn ich daran denke!

Die Leute bauten aus allem, was sie fanden, Notstege, damit sie nicht durch die eisige, stinkende Brühe waten mussten. Ich wohne in der mittleren Bergstraße. Bis dahin kam das Wasser zum Glück nicht, aber ich kam nicht mehr zu Fuß nach Hildesheim. Völlig abgeschnitten waren wir von der Stadt! Ein Leiterwagen fuhr noch ab und zu nach Hildesheim. Den habe ich auch mal benutzt an Markttagen. Aber stellen Sie sich vor, das kostet 10 Pfennige pro Fuhre. Für die 20 Pfennige hin und zurück kann ich mir schon 2 Pfund dunkles Brot kaufen! Und manchmal nimmt der Fuhrknecht, dieser gierige Lump, noch mehr Geld, wenn viele Leute mitfahren wollen!

Am schlimmsten war es für die armen Leute, die ihre Häuser  und Gärten direkt am Kupferstrang haben.  Sie verloren einen Großteil ihrer Habe und Vorräte – alles verjaucht und verdorben! Niemand wollte helfen. Vom Amt Marienburg hieß es: „Wer an gefährdeter Stelle ein Haus baut oder Gärten anlegt, hat selbst Schuld und muss mit gelegentlichen Überschwemmungen rechnen, diese hinnehmen oder eben umziehen.“ Und wieder bleiben die armen Leute mit ihren Problemen allein und auf den Schäden sitzen. Ich frage Sie, welche armen Familien können sich aussuchen, wo sie wohnen oder einen Garten beackern wollen? Sie müssen doch froh sein, überhaupt ein Dach überm Kopf zu haben! Von den feinen Fabrikantenfamilien wohnt keine einzige da unten am Wasser! Es bleibt immer alles an den Armen hängen! Ob sich das jemals ändern wird?

Mitglied im BVGD - Bundesverband der Gästeführer in Deutschland e. V. - www.bvgd.org