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Elfriede Graf Pächterin der Domäne Marienburg (1880-1952)

Einmarsch der Amerikaner

Am Samstag, den 7. April 1945, rückt die Panzerdivision der  9. US-Armee nach Hildesheim vor. Über Ochtersum, den Hohnsen  rollen die Panzer heran. Aus den Fenstern hängen weiße Bettlaken. Aus der Stadt gibt es keine Gegenwehr, der Krieg hat schon zu viele Opfer gekostet. Als die Soldaten am Zimmerplatz anhalten, wagen sich einige Hildesheimer näher heran. Sie wollen doch mal sehen, wie die Amerikaner aussehen. Große sportliche Gestalten, zum Teil mit schwarzer Hautfarbe. Die rauchen und trinken Coca-Cola.

Hildesheim war nun eine besetzte Stadt, ohne Kampf eingenommen. Die Parteiführer, Gestapo und SS hatten sich rechtzeitig aus dem Staube gemacht, nach Süden. Die Wehrmacht war nach Osten zurückgewichen.

Von allen Kirchtürmen im Umkreis wehten weiße Fahnen den anrückenden Kolonnen unter dem Sternenbanner entgegen – den SS-Streifen zum Trotz, die wütend die Einholung der weißen Fahnen verlangt hatten – um bald danach sang- und klanglos zu verschwinden. Stadt und Land hatten sich der Befehlsgewalt des Siegers zu beugen. Schrecklich genug war es der Bevölkerung ausgemalt worden, wie es nach einer Kapitulation zugehen werde.

Aber es war nicht so, die fremden Truppen, die „Amis“, benahmen sich, von einzelnen Entgleisungen abgesehen, im Ganzen ordentlich, gesittet. Aber die ehemaligen Zwangsarbeiter, die Verschleppten aus dem Osten, aus Italien …..sie hatten in Hildesheimer Industriebetrieben gearbeitet, im Trillke-Werk von Robert Bosch oben im Hildesheimer Wald, bei Senking und Ahlborn und den Vereinigten Deutschen Metallwerken. Die so lange Unterdrückten, sie fühlten sich jetzt als Herren.

Auf der Domäne Marienburg hatten sich mehr als 100 Polen und Russen im Dorf gesammelt und in der Schnitterkaserne des Gutes Unterkunft gefunden.  Wir hatten fürchterliche Angst, dass es zu Plünderungen kommen konnte. Hatten doch so viele Verwandte mit Ihren Kindern und alten Menschen auf der Domäne Unterschlupf gefunden. Nachdem es im benachbarten Gut Marienrode zu Plünderungen und Übergriffen gekommen war, wandte sich meine Schwiegertochter Ingrid, die Frau meines jüngsten Sohnes Helmut, dem Pächter,  der noch nicht nach Hause gekommen war, an die US-Militärpolizei und erreichte den Schutz der Besatzungsmacht für die nächsten Monate. Kindern und Frauen gegenüber waren die Amerikaner sehr freundlich, sie bekamen Apfelsinen und Schokolade von ihnen.


Ingegjerd Andersen aus Norwegen, 16. Jahrhundert

Aus alten Zeiten – die hansischen Verbindungen

Als Gast des Bürgermeisters Wildefuer berichtet die Norwegerin Ingegjerd Andersen über ihren Besuch.

Saa mye folk. Hva vii dere her? Er dere paa vei til Hansedagen i Lübeck? Ach, verzeiht! Ich, vergaß. Ich spreche ja Norwegisch mit euch. Tut mir leid. Ich bin Norwegerin, mein Name ist Ingegjerd Andersen. Ich komme aus Bergen von der Westküste Norwegens. Ihr wundert Euch sicherlich. Ich werde Euch alles erzählen.

Euer Bürgermeister Hans Wildefüer und mein Ehemann Asgeir Andersen haben sich auf den Hansetagen in Lübeck vor einigen Jahren kennengelernt und angefreundet. Vor einem Jahr meinten  sie, ihre Ehefrauen, Mette und ich, sollten uns auch kennenlernen. Mette und ich mögen uns sehr. Wir haben viel gemeinsam. Beide führen wir ein großes Haus mit vielen Bediensteten. Unsere Männer sind bedeutende Persönlichkeiten und viel unterwegs, auf Handelsfahrten und auch zum Schlichten.

Wir Ehefrauen halten ihnen immer den Rücken frei und sorgen dafür, dass, wenn sie nach Hause kommen, aIIes im Lot ist: die Kleidung sauber und gebürstet, ein gutes Essen auf dem Tisch steht und der gute Rheinische Wein eingeschenkt ist.

Bergen gehört zum Hanseverbund wie auch Hildesheim. Mein Mann ist der Leiter des Hansekontors in Bergen. Am Hafen liegt die „Deutsche Brücke“, „Tyskebryggen“ genannt, mit großen Speichern, wo wir unseren Trocken- und frischen Fisch lagern. Wir treiben Handel mit London und den  Ost­seehäfen Brügge, Riga, Visby auf Gotland, Rostock, Lübeck. Immer wenn die stolzen „Hanse­koggen“ ankommen, sieht man sie schon von Weiten mit ihrem dicken, bauchigen Rumpf und den rot-weißen Zeichen in den Fahnen. Wir sind immer gespannt, was sie diesmal mitbringen.

Aus Russland: Getreide, Pelze, Wachs; aus dem Westen: Tuche, wunderschöne Stoffe, Wein; aus dem Orient: herrliche Gewürze?

Lübeck wurde im Jahre 1143 gegründet. Man geht davon aus, dass die Hanse um 1159 entstanden ist. Die Hanse ist nicht nur ein Handelspakt, sondern die Mitglieder helfen sich gegenseitig beim Schutz vor Übergriffen feindlicher Schiffe auf See.

Nun sind unsere Männer wieder mal unterwegs. Mette hat mich gebeten, ihr Gesellschaft zu leisten. Ich tue es gerne. Sie tut mir leid. Immer wenn der Winter kommt, bekommt sie Gliederreißen und sie ist so schwach auf der Brust. Sie hat so einen schlimmen Husten. Ich habe Angst, dass könnte die Schwindsucht sein. Sie ist so eine feine, stille Frau. Ihr Gesinde passt auf sie auf und gehorcht ihren Befehlen. Was heißt Befehle. Sie braucht nur ein Zeichen zu geben, dann wissen sie Bescheid, was zu tun ist.

Ich bin das Gegenteil. Ich bin stark, bin an der norwegischen Küste aufgewachsen, geprägt von Wind und Wetter. Ich würde ihr zu gerne von meiner Gesundheit abgeben.

Ich muss mich nun von euch verabschieden, habe versprochen nicht so lange weg zu bleiben, muss an der Ratsapotheke vorbei. Der Apotheker hat ein Mittelchen für Mette gemischt, welches ihren Husten lindern soll.

Charlotte Ohlendorf, Marktfrau vom Moritzberg (1816-1905)

Winter 1880/81

Ich bin ja so froh, dass das Schneewetter in diesem Jahr sich schnell wieder verzogen hat. Gar nicht so einfach durch die Schneemassen zu stapfen! Aber erinnern Sie sich noch an den letzten Winter? Wochenlang war der Regen uns auf’s Dach gepladdert, dann kamen Unmassen Schnee hinterher. Als der Schnee im Harz schmolz, konnte die Innerste das heranbrausende Wasser nicht mehr fassen, Dämme vor Hildesheim brachen mehrmals, riesige Wassermenge wälzten sich auf die Stadt und dann auf Moritzberg zu.

Das Wasser drang vom Kupferstrang aus von hinten in die Häuser ein, floss vorn zur Dingworthstraße hinaus  – und was da alles im Wasser schwamm! Igitt-igitt! Mich schüttelt‘s noch heute, wenn ich daran denke!

Die Leute bauten aus allem, was sie fanden, Notstege, damit sie nicht durch die eisige, stinkende Brühe waten mussten. Ich wohne in der mittleren Bergstraße. Bis dahin kam das Wasser zum Glück nicht, aber ich kam nicht mehr zu Fuß nach Hildesheim. Völlig abgeschnitten waren wir von der Stadt! Ein Leiterwagen fuhr noch ab und zu nach Hildesheim. Den habe ich auch mal benutzt an Markttagen. Aber stellen Sie sich vor, das kostet 10 Pfennige pro Fuhre. Für die 20 Pfennige hin und zurück kann ich mir schon 2 Pfund dunkles Brot kaufen! Und manchmal nimmt der Fuhrknecht, dieser gierige Lump, noch mehr Geld, wenn viele Leute mitfahren wollen!

Am schlimmsten war es für die armen Leute, die ihre Häuser  und Gärten direkt am Kupferstrang haben.  Sie verloren einen Großteil ihrer Habe und Vorräte – alles verjaucht und verdorben! Niemand wollte helfen. Vom Amt Marienburg hieß es: „Wer an gefährdeter Stelle ein Haus baut oder Gärten anlegt, hat selbst Schuld und muss mit gelegentlichen Überschwemmungen rechnen, diese hinnehmen oder eben umziehen.“ Und wieder bleiben die armen Leute mit ihren Problemen allein und auf den Schäden sitzen. Ich frage Sie, welche armen Familien können sich aussuchen, wo sie wohnen oder einen Garten beackern wollen? Sie müssen doch froh sein, überhaupt ein Dach überm Kopf zu haben! Von den feinen Fabrikantenfamilien wohnt keine einzige da unten am Wasser! Es bleibt immer alles an den Armen hängen! Ob sich das jemals ändern wird?

Mitglied im BVGD - Bundesverband der Gästeführer in Deutschland e. V. - www.bvgd.org